Die Freiheit der Liebe

Andrea des Sarto (14861530), Ausschnitt aus dem Abendmahl. San Salvi, Florenz.

Bildbetrachtung

Die Hand Jesu auf der des Jüngers: Diese Geste ist eine Regung des Herzens, der Liebe, die ohne Worte ihren Ausdruck findet. Aufrichtiger und ehrlicher als Worte es sein können, teilt diese Berührung die Bewegung des Herzens mit. Nichts wird beschönigt, die Tatsache des Abschiednehmens bleibt, es ist kein Ausweichen möglich, und doch bekommt das Schwere durch diese Zärtlichkeit einen lichten Schein. Die Hand Jesu wirkt kindlicher als die des Jüngers. Vielleicht hat gerade diese Kindlichkeit der oben liegenden Hand ihre tiefere Bedeutung. Am Ende eines Weges, eines Lebensweges angelangt, weist die Hand Jesu nochmals auf das Weihnachtsgeschehen hin. In der Kindlichkeit liegt die Reinheit der Liebe, unverfälscht und vor allem nicht besitzergreifend. Bestätigend: „Ich liebe dich!“, und dadurch tröstend und vertrauenerweckend, so liegt diese Hand auf der anderen. Fast wie nebenbei, ja spielerisch fügen sich die Finger zwischen die der unteren Hand. Die Liebe braucht die Freiheit, um sich entwickeln zu können, um zu der Reinheit der kindlichen Liebe zurückfinden zu können. Die Bedingungslosigkeit dieser zärtlichen Geste schafft das tiefe Vertrauen in das Herz des anderen. Jesus legt seine Hand gewichtlos, leicht gewölbt, ohne Druck locker auf, berührt, lässt aber der unteren Hand Spielraum.

Ein Ort der Geborgenheit ist wie meine gewölbte Hand, weder ganz geöffnet noch ganz geschlossen. Es ist der Ort, an dem Gedeihen möglich ist. (Henri J. Nouwen)

Die Fingerkuppen von Mittel-, Ring- und kleinem Finger stützen sich auch auf den Tisch, vermutlich auch der Daumen: eine Handhaltung wie sie zum Cembalospielen gelehrt wird. Es ist im Gegensatz zum Klavier das zartere Instrument, der Anschlag braucht wenig Druck, und so muss die Hand gewölbter und lockerer auf den Tasten aufliegen.

Unter solch einer Hand hat die andere Raum – Raum, sich ihr auch zu entziehen. „Überlege, ob du dich ihr wirklich entziehen willst? … Nimm an! Du darfst, diese Liebe gilt dir! Ruh‘ dich am Herzen des Herrn aus!“

Die Aktivität liegt in der Hand des Herrn, ER zuerst liebt uns schon, wir dürfen geschehen lassen, und als Antwort dann später ergreifen wir voll Vertrauen die Hand des Auferstandenen. Aber die Erfahrung dieser bedingungslosen Liebe muss erst unser Herz erreichen. Im Nichtstun (chinesische Weisheit: Tue das Nichtstun!), in dem Strömenlassen, in dieser Passivität liegt unsere Aktivität hier. Die Freiheit der Liebe ist für mich das Geheimnis dieses Bildes. Und diese Freiheit ermöglicht ja überhaupt die tiefe Verbundenheit über den Tod hinaus. Das Handergreifen, Umschliessen darf wirklich erst dem Auferstandenen, dem verklärten Leib gelten, denn sonst würden wir halten wollen, was nicht zu halten ist.


Aufbruchsegen

Es sei mit dir der Segen Gottes
wie ein Lächeln der Freundschaft,
so nah wie ein Zunicken,
so spürbar wie ein Kuss.

Es sei mit dir der Segen Gottes
im Atemholen,
im Träumen und Wachen,
im Schmerz und in der Freude,
im Denken und Tun,
im Verweilen und Fortgehen.

Es sei mit dir der Segen Gottes
wie eine Hand auf deiner Schulter.

Hab keine Angst, wenn schon wieder
Neues von dir verlangt wird.
Bei jeder Wandlung,
bei jeder Neuerschaffung
übernimmt der Heilige Geist
die schwerere Hälfte der Arbeit.
Dein Aufbruch, er soll gesegnet sein.

nach Annemarie Schnitt / Lene Mayer-Skumanz

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    aus dem Vorbereitungskreis der ökumenischen Vesper

7 Monaten ago
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About the Author: J. E.

aus dem Vorbereitungskreis der ökumenischen Vesper

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